Archäologische Untersuchung des Hauses Nr. 74 in der Široká-Gasse
 

Široká Nr. 74, Gesamtansicht
Das im Fundament wohl gotische Haus blieb größtenteils in der Gestalt aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts erhalten, als es gründlich im Renaissancestil umgebaut wurde. Bei der Rekonstruktion in den Jahren 1993-94 kam es zur Entdeckung einer reichen dekorativen Renaissanceausschmückung in beiden Hallen (in der Eingangshalle im Erdgeschoss sowie in der oberen Stube im Zwischengeschoss) sowie im Verbindungstreppenhaus. Malereien und Sgrafitti verbirgt auch die Straßen- und Hoffassade. Im Verlauf der Rekonstruktion im Juni 1993 führten die Mitarbeiter des Südböhmischen Museums in Èeské Budìjovice eine kleinere archäologische Untersuchung in der Eingangshalle des Hauses durch. In zwei archäologischen Sonden gelang es ein völlig einzigartiges Pflaster aus Tierknochen zu untersuchen.

In der nördlichen Hälfte der Sonde Nr. 1 (im östlichen Teil der Eingangshalle im Erdgeschoss, nahe der Stirnseite des Hauses) unter einem Rest des jüngeren steinernen Pflasters überraschte die Archäologen eine völlig unerwartete Situation. Hunderte von Rind(Kuh)-Wadenbeinen wurden halbiert, zugespitzt und dicht nebeneinander mit den Gelenkköpfen nach oben in den Boden eingeschlagen. Einige Lücken zwischen größeren Knochen wurden mit ähnlich angepassten Fingergliedern ausgefüllt. Die Situation bot eine einzige Erklärung an - es ging um ein Pflaster aus Tierknochen. Im südlichen Teil der Sonde wurde das beinerne Pflaster mit flachen Steinen und getampftem Lehm kombiniert. Auf seiner Oberfläche wurden einige Keramikbruchstücke und ein erdenes Kügelchen in die Schleuder gefunden. Auch in der Sonde Nr. 2 (westlich von der Sonde Nr. 1) erschien unter dem jüngeren Pflaster ein Pflaster aus Tierknochen - diesmal in einem 30 cm breiten Streifen in Nord-Süd-Richtung quer durch den Hausflur. Der Raum zwischen ihm und dem Pflaster in der Sonde Nr. 1 war ohne Knochen, die hier durch ein Pflaster aus einem anderen Material - zum Beispiel aus Holz - ersetzt werden konnten. Auch von der Sonde Nr. 2 stammt eine kleinere Keramikkollektion.

Grundriss des Hauses Nr. 74 in der Široká-Gasse mit dem markierten Fund der Reste des beinernen Fußbodens. Nach J. Militký.

Das Pflaster aus Tierknochen wurde auch im Raum zwischen der Stirnwand und dem östlichen Rand der Sonde Nr. 1 verfolgt. Hier wurde es leider von den Bauarbeitern fast völlig vernichtet. Es blieb nur ein kleines Fragment erhalten, das noch dazu durch eine der Wände beschädigt war. Auch hier wurde die Kombination der Knochen im Pflaster mit flachen Steinen festgestellt.

Der Fund des Pflasters aus Tierknochen in der Široká-Gasse Nr. 74 in Èeský Krumlov ist einzigartig - es handelt sich um den ersten Fund seiner Art in Böhmen. Gewissermaßen problematisch ist die Datierung des Pflasters - archäologische Funde erlauben uns seine Entstehung nur ungefähr in den Verlauf des 15. oder 16. Jahrhunderts zu datieren.

Beim Blick auf den beinernen Fußboden können wir uns des Eindrucks nicht erwähren, dass seine Installierung wahrscheinlich nicht problemlos war. Schon die Idee selbst ist ungewöhnlich. Der damalige Besitzer des Hauses sah wohl irgendwo einen ähnlichen Fußboden und ließ sich inspirieren. Wo es war, wissen wir aber nicht. Der Grund des Erfolgs war vor allem der Besitz einer notwendigen Menge Knochen - für 1 m2 waren ja etwa 200-250 vonnöten. Für ein Pflaster im vorausgesetzten Ausmaß war es nötig mehrere hundert Stück Rind zu schlachten. Die Knochen selbst mussten auch gründlich ausgekocht werden, damit an ihnen keine stinkenden weichen Gewebe - Reste vom Fleisch und Sehnen blieben. All das dauerte eine gewisse Zeit. Der Hausbesitzer musste also eine Zeitlang die Knochen für das beabsichtigte Pflaster irgendwo absichtlich versammeln und lagern. Die Vorstellung einer stinkenden Eingangshalle des Hauses entspricht der Realität bestimmt nicht.

Fund des mit Tierknochen gepflasterten Fußbodens in der Široká Nr. 74, Sammlungsfonds des Regionalmuseums in Èeský Krumlov

Und wem ist es eigentlich eingefallen, die Halle mit Rindknochen zu pflastern? Über die Besitzer des Hauses im 15. Jahrhundert haben wir keine Nachrichten. Am Anfang des 16. wohnte hier der Fuhrmann Lorenc. Interessanter ist für uns die Information, dass das Haus in den 30-40er Jahren des 16. Jahrhunderts einem Mitglied des Stadtrates, Gerber Øehoø (Gregor) gehörte. Irgendwann um das Jahr 1550 heiratete die Witwe Katharina einen weiteren Gerber - Jan Schoø. Im Jahr 1589 kaufte dann das Haus von Kristina Schoøová der durch eine ehebrecherische Affäre berühmte Stadtschreiber Litvin. Der verkaufte das Haus im Jahr 1600 an den Stadtrat. Das Knochenpflaster entstand wahrscheinlich vor dem prunkvollen Spätrenaissanceumbau, der vielleicht gerade unter dem Schreiber Litvina realisiert wurde - zu der Stuck- und gemalten Ausschmückung der Halle würde es wohl nicht zu gut passen. Der Vater der ungewöhnlichen Idee und Schöpfer dieses einzigartigen Überrestes der Krumauer Renaissance ist höchstwahrscheinlich einer der Gerber, denen das Haus im 16. Jahrhundert gehörte - Øehoø oder Jan Schoø. Der Gerber konnte nämlich bei seiner Arbeit zu Rindgliedmaßen - zu diesem Abfall von den Schlachthöfen - sehr leich kommen.

Der Fußboden diente eine Zeitlang gut seinem Zweck. Davon zeugen Spuren nach dem Gebrauch - Abtretung auf vielen Gelenkköpfen. Von der heutigen Ansicht könnte es sich wohl auch um eine Art des Werbetricks handeln.

Hinsichtlich der außerordentlichen Situation wurde ein Teil des Pflasters in situ im Interieur der Eingangshalle des Hauses unter einem Glasverdeck erhalten. Ein Teil wurde aufgehoben und heute ist er in der Exposition des Regionalmuseums in Èeský Krumlov ausgestellt.

(me)

Weitere Informationen :
Archäologische Untersuchungen in der Stadt Èeský Krumlov
Archäologische Untersuchung der mittelalterlichen Stadt Èeský Krumlov

 



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